ERKLÄRUNG DES CONGRESO NACIONAL INDÍGENA (CNI) – INDIGENER REGIERUNGSRAT (CIG): 25 JAHRE WIDERSTAND UND REBELLION

11. Oktober 2021

An die Pueblos der Welt,
an die Kommunikationsmedien.

Heute – 25 Jahre nachdem wir entschieden haben, den Weg des Kampfes, des Widerstands und der Rebellion zu gehen, in Begleitung des Ejército Zapatista de Liberación Nacional (EZLN) – sind wir der Congreso Nacional Indígena – und als solcher richten wir uns an die Pueblos der Welt, um ihnen unser Wort zu sagen:

Am 12. Oktober 1996 konnten wir Pueblos originarios uns das erste mal versammeln und uns kennenlernen – unter der ungeheuerlichen Präsenz der Comandanta Ramona, Mitglied des Geheimen Revolutionären Indigenen Komitees (CCRI) der EZLN, wodurch die [militärische] Einkreisung der EZLN durchlässig zu werden begann und unter der Teilnahme von mehr als 3000 Delegierten aus ganz Mexiko – um so einen eigenen organisierenden Raum zu erträumen: den Congreso Nacional Indígena (CNI) – mit seinen 7 Prinzipien des »Gehorchenden Regierens«, die ein verändertes, ein anderes Land befördern, in dem wir in unseren Rechten und Kulturen vollständig anerkannt sein werden.

Diesem historischen Ereignis vorausgehend hatten wir zwei Mexiko weite Foren durchgeführt und den »Marsch der Farbe der Erde« der EZLN im Jahr 2001 begleitet – mit dem Ziel, den mexikanischen Staat zu drängen, die Vereinbarungen von San Andrés »Über Indigene Rechte und Kultur« zu erfüllen. Diesem Marsch folgte der Verrat der Vereinbarungen von San Andrés durch alle politischen Parteien und Regierungskräfte. Es folgte das Vergessen unseres Kampfes durch diejenigen, die ihn in eine flüchtige Modeerscheinung verwandelten. Es folgte die Desorganisierung eines Teils der indigenen Bewegung und die weitere Kontinuität des CNI durch die Zentral-pazifische Region (vor 20 Jahren). Es folgte die Entscheidung, die Sechste Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald der EZLN zu der Unseren zu machen – indem wir den antikapitalistischen Kampf von unten und links auf uns nahmen. Dies brachte uns eine noch größere Isolierung von der selbst ernannten politischen Klasse der Linken ein; von NGOs und »Persönlichkeiten«, die zuvor erklärt hatten, sie seien unsere Freunde und Verbündeten.

In diesen 25 Jahren haben wir gelernt, dass unser kollektives Wort der Kampf für das Leben bedeutet. Und so wie uns seit über 500 Jahren der Raub unseres Landes, unserer Kultur und Lebensformen schmerzen, bringt uns dies dazu, uns zu organisieren und zu kämpfen. Gegenwärtig besteht die kapitalistische Beraubung und Ausbeutung – die zu einem Krieg gemacht wurde – darin, große und gefahrvolle Mega-Projekte durchzuführen. Mega-Projekte, die in allen indigenen Gebieten Mexikos den Tod aussähen. Mit Gewaltherrschaft suchen sie die Gewinne der kriminellen Banden und des ökonomischen und politischen Netzwerks, was jene stützt, zu garantieren. Es ist dasselbe Netzwerk, das in seinem Streben nicht aufhört, uns als Pueblos ausgelöscht zu sehen. Diesen Krieg – den wir innerhalb der Comunidades, der Gemeinschaften in Mexiko erleben und der uns mit Trauer und Wut anfüllt – führen Politiker, Unternehmen und kriminelle Banden, die gemeinsam die mexikanische Regierung bilden. Sie dienen einem weltweiten System: dem Kapitalismus.

In seinem Namen haben die vorherigen und jetzigen Regierungen schwere Verbrechen begangen, um unsere Pueblos zu unterdrücken, als wir im Kollektiv unser [eigenes] Schicksal beschlossen hatten. Und wir vergessen den schmutzigen Krieg mit seinen tausenden von Hingerichteten, Gefolterten und Verschwunden gemachten nicht. Wir vergessen nicht das Massaker in Acteal, Chiapas, das Blutbad in Aguas Blancas, die Morde an Betty Cariño, dem zapatistischen Lehrer Galeano, dem Kind Hidelberto Reyes in der Gemeinde Santa María Ostula und an unserem Bruder Samir Flores Soberanes; oder das Verschwunden machen der 43 Studenten von Ayotzinapa. Wir vergessen unsere verschwunden gemachten Brüder – wie Sergio Rivera Hernández von der Organisation MAIZ – nicht. Wir vergessen auch nicht unserer Compañer@s Gefangene, die Gefangene sind, weil sie kämpfen. Sie werden verfolgt, weil sie denken und redlich darin sind, das zu verteidigen, was ehrwürdig ist – so wie Fidencio Aldama aus dem Tribu der Yaqui und Fredy García Ramírez vom Komitee für die Verteidigung der Indigenen Rechte in Oaxaca.

Wir Frauen, wir Männer sind sie – und aus unseren kommunitären Vollversammlungen und autonomen Regierungen heraus werden wir nicht aufhören, Gerechtigkeit zu schaffen und Strafe für die Verantwortlichen dieser Verbrechen zu fordern. Wir werden keinen Schritt zurückweichen im Kampf für das Leben, der ja auch die Sache all derjenigen Frauen und Männer ist, die uns heute fehlen.

Nach 25 Jahren Kampf in Widerstand und Rebellion sagen wir klipp und klar: Wir wollen unsere Gebiete frei von den Mega-Projekten des Todes. Wir wollen keinen Tren Maya, der den gesamten Süd-Südosten unseres Landes in ein Kettenglied des transnationalen Kapitals verwandelt: seine Streckenverläufe und deren Umgebungen; Extraktivismus, Umweltvergiftung und Zerstörung, Beraubung und Privatisierung einer gesamten Region. Wir wollen nicht den Interozeanischen [Industrie-]Korridor, der vom Pazifik bis zum Golf von Mexiko ganze Gebiete in eine einzige Fabrik aus Windkraftanlagen, Maquila-Weltmarkt-Produktionsstätten und Mineralien-Ausbeutung verwandelt. Wir wollen auch nicht das Proyecto Integral Morelos [ein Mega-Energieprojekt aus Wärmekraftanlagen und Pipelines], das die Comunidades von Tlaxcala, Puebla und Morelos der Pueblos des Vulkans Popocatépetl angreift – und diejenigen, die es in Frage stellen und dagegen opponieren, durch den Tod zum Schweigen bringt, so wie den Compañero Samir Flores Soberanes.

Somit haben wir 2018 – indem wir uns gegenseitig innerhalb der verschiedenen Geographien und Kulturen anerkannt haben – den Indigenen Regierungsrat, den Concejo Indígena de Gobierno (CIG) konstituiert – mit seinen Rätinnen und Räten der indigenen Pueblos des CNI. Er wurde zu unserer Stimme gegenüber der [mexikanischen] Nation und der Welt – eine Stimme, mit der unsere Sprecherin Marichuy sprach und spricht. In jenem Jahr haben wir, gemeinsam mit der EZLN, zu [unserem] Land gesprochen. Als Antwort darauf nahm die mexikanische Bevölkerung, während der Rundreise des Indigenen Regierungsrates durch ganz Mexiko, teil an der Sammlung der Unterschriften, um [als CNI-CIG] auf den [Präsidentschafts-]Wahlzetteln auftauchen [zu können]. Damals haben wir bemerkt: Der Kampf für das Leben – und die Dringlichkeit auf dem vom Kapitalismus Zerstörten neu aufzubauen – wird in allen Sprachen und innerhalb aller gesellschaftlichen Sektoren Mexikos gesprochen. Jede*jeder gemäß ihrem*seinem Modus, ihrer*seiner Zeiten und Formen.

Und jetzt, in diesem Jahr, sehen wir – während der Reise für das Leben, gemeinsam mit der EZLN – das rebellische Europa von unten und links. Und wir hören sein Wort, welches ebenso den Kampf für das Leben bedeutet. Mit seinem Widerstand und seiner Rebellion, und gemeinsam mit dem unseren, verstehen wir uns: denn wir erträumen dieselbe Welt, in der wir alle – Frauen und Männer – passen.

Heute, 25 Jahre [nach Gründung des CNI], rufen wir all diejenigen auf, die kollektiv oder einzeln Teil des CNI sind oder ihn auf seinem 25-jährigen Weg als Beobachter*innen begleitet haben: eine TIEFGRÜNDIGE KOLLEKTIVE REFLEXION zu machen, die mittels Versammlungen, Foren, Konferenzen und Aktivitäten jeglichen Charakters umgesetzt wird – vom 12. Oktober 2021 bis zum 12. Oktober 2022. Diese [kollektive Reflexion] wird in eine große Vollversammlung münden und sucht die Antwort auf die Frage: »Was folgt?«

Mit Allen suchen wir ein Hören und Zuhören, was Widerstand und Rebellion in der Welt
uns sagen müssen, um uns kennenzulernen – und um uns aus der Geographie von unten zu organisieren – von wo aus die Dinge, die die Zukunft bestimmen und die beginnen werden, die Erde und unsere Pueblos nach der weltweiten Katastrophe zu heilen, sich wirklich ereignen.

Hochachtungsvoll

25 Jahre Widerstand und Rebellion
Für die vollständige Rekonstruktion unserer Pueblos
Niemals mehr ein Mexiko ohne uns

Congreso Nacional Indígena (CNI)
Concejo Indígena de Gobierno (CIG) – Indigener Regierungsrat

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übersetzt von lisa-colectivo malíntzin.

Quelle: http://www.congresonacionalindigena.org/2021/10/11/pronunciamiento-del-cni-cig-a-25-anos-de-resistencia-y-rebeldia/

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