Thementag „Spiritualität und politisches Bewusstsein“

Auf Spanisch / en Castellano: Día temático “La Espiritualidad y la conciencia política”

Vom Zuhören und der tiefen Bedeutung von Worten
Klimacamp München September 2021 – Zapatistisches Zelt „Samir Flores“

Die Energie des Herzens … aus der Broschüre “In ihrer eigenen Sprache – Bats’i K’op Zapatista”

Im Rahmen des Klimacamps in München vom 7. bis 12. September 2021 gab es am Samstag im Zapatistischen Zelt Samir Flores einen Thementag „Spiritualität und politisches Bewusstsein“. Anlass war der Gedanke, dass in der modernen, neoliberalen Gesellschaft Spiritualität eine immer geringere Rolle spielt. Besonders indigene Bewegungen kritisieren dieses Defizit schon lange und betonen: Erst indem wir unsere Spiritualität wiederentdecken, können wir die Verbundenheit zu unserer Umwelt aufbauen, die es erlaubt, im Gleichgewicht mit der Natur und unseren Mitmenschen zu leben.

Die drei aufeinander aufbauenden Angebote – zwei Workshops und eine Diskussion – schlugen einen Reigen, (der sich übrigens auch in zwei Regenbögen widerspiegelte), dessen gemeinsame Essenz sich als das Zuhören, das Wort und die kollektive Weisheit herauskristallisierte.

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Das Wort ist schon unterschwellig im Herzen einer jeden Person verankert. Die Versammlung ist ein Mittel, um ein kollektives Herz zu schaffen, durch welches das kollektive Wort ausgedrückt wird und anschließend in Taten umgesetzt werden kann.“

(aus der Broschüre: “In ihrer eigenen Sprache – Bats’i K’op Zapatista”)

Ch’ulel – Das Herz befreien

Teil 1: Workshop: „Cosmovisión Zapatista – Was können wir von ihnen lernen?“

Weshalb funktioniert der Zapatismus so gut? Woher kommt das dafür notwendige Kollektivbewusstsein? Wie verinnerlichen die Zapatistas konsequent herrschaftskritische Einstellungen? Das Politikverständnis der Zapatistas wurzelt tief in der indigenen Weltsicht der Mayas und ist für uns, die wir seit Jahrhunderten den Kontakt zueinander und zur Erde verloren haben und in Konkurrenz und Wettbewerb denken, nur schwer zugänglich. Mit dem Unterrichten ihrer Maya-Sprache, Bats’i K’op – die Sprache des wahren Wortes, in diesem Fall Tsotsil – im Sprachzentrum in Oventik gewähren sie uns einen Einblick. Bats’i K’op ist eine konzeptionelle Sprache: Die einzelnen Worte und Wortzusammensetzungen eröffnen über die Bedeutung der einzelnen Worte hinaus in der Tiefe eine Sicht auf die Welt, auf der und aus der die Kraft und Ausrichtung der zapatistischen Bewegung beruht und erwächst. Wesentlich darin ist der Grundgedanke des kollektiven Daseins. In dessen Mittelpunkt steht das Herz und sein Potenzial, das seine Kraft in der Beziehung zueinander und zur Erde entfaltet.

Eine Ahnung des kollektiven Herzens war für alle spürbar, als zum Einstieg des Workshops reihum einige Abschnitte aus der Sprach-Broschüre vorgelesen wurden. Ch’ulel wurde zum geflügelten Wort. Ch’ulel, das Potenzial, das dem Herzen innewohnt. Ein fremdes Wort, das jedoch ein Gefühl und eine Energie transportierte, die von allen wahrgenommen wurde. Je mehr wir in der anschließenden Diskussion versuchten, es mit unseren Worten zu fassen, desto mehr rutschten wir wieder in den Kopf. Vielleicht ist das eines der Geheimnisse – vom Herzen auszugehen.

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„(…) Entschuldigt, wenn ich ein ums andere mal auf das Zuhören insistiere. Aber ich schaue nach draußen und höre, wie alle reden wollen – besser noch: schreien wollen – und kein Mensch oder fast kein Mensch, der bereit ist zuzuhören.“

(https://enlacezapatista.ezln.org.mx/2021/09/08/17-jahre-hinter-sich-die-gruppe-der-milicianas-ixchel-ramona/)

Mit Respekt zuhören

Teil 2: Workshop: „Council – Weg des Kreises“

Im Council kommen Menschen im Kreis zusammen und teilen auf der Basis von Respekt und aus dem Herzen sprechend und hörend ihre Geschichten. Es ist eine aus ursprünglichen Traditionen stammende Form des Miteinanders und wurde in Europa viele Jahre von dem Assonet-Wampanoag-Ältesten Manitonquat gelehrt.
Im Respekt schaffen wir Vertrauen und bereiten so den Boden, um miteinander zu lernen. Im Council geht es um eine tiefe und präsente Form des Zuhörens, jenseits von urteilen, vergleichen oder analysieren. Es umarmt Verschiedenheit und schafft einen besonderen Raum, in dem die einzelnen Worte und Beiträge gesehen und gewürdigt werden und jede*r ihre und seine Wahrheit entdecken kann. Ein Raum, in dem sich Worte verbinden und eine darüber hinaus gehende, kollektive Weisheit entstehen kann.

An diesem Tag sind wir im Trubel des Camps, auf einer roten Decke sitzend, in der Mitte eine Kerze, eingetaucht in diesen Raum mit der Frage: „Warum bist du heute hier, auf dem Camp, in diesem Council? Was ist dein Traum, deine Vision? Gibt es eine Geschichte dazu, die du teilen möchtest?“ Die Geschichten und Stimmen, die wir hörten, eröffneten auf überraschende Weise unsere Sicht für einen Teil des Ganzen, der gleichermaßen für die Erzählenden und die, die lauschten, neu war.

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„Keine*r hat persönliche Interessen, die im Gegensatz zu kollektiven Interessen stehen, weil das kollektive Interesse sich ausschließlich auf das persönliche stützt.“

(aus der Broschüre: “In ihrer eigenen Sprache – Bats’i K’op Zapatista”)

Individuum und Kollektiv wieder fließend verbinden

Teil 3: Diskussion zum Thema: „Spiritualität und politisches Bewusstsein“

Zu der sehr gut besuchten und neugierigen Runde war Alina Namunkura-Rodenkirchen, eine Mapuche-Indigene aus Chile, zugeschaltet. Sie erzählte eindrücklich und lebendig, wie eng in ihrer Tradition Spiritualität und das Leben verknüpft sind: „Es ermöglicht uns, uns als Teil von etwas zu verorten, Protagonist*in von etwas größerem Ganzen zu sein.“ Spielt es auch eine Rolle im Alltag? „In jeder Handlung. Bei allem, was wir essen oder trinken beispielsweise geben wir zuerst ein kleines Bisschen für die Ahnen auf den Boden, die Erde. Das passiert ganz selbstverständlich, aus Respekt.“ Was hat Spiritualität mit politischem Bewusstsein zu tun? „Alles! Zum Beispiel wenn Naturaspekte bedroht sind, ist es wichtig, in politisches Handeln zu kommen. Oder in der Wiederbelebung unserer Sprache Mápuzungun, über die wir auch mit den Spirits, den geistigen Wesenheiten, in Kontakt treten. Insofern ist die Anwendung unserer Sprache an sich politisches Handeln und jedes Wort in seiner Bedeutung und speziellen Energie drückt unsere Verbindung zu den einzelnen Dingen aus.“

Zum Abschluss benennt sie neben der Selbstverständlichkeit, mit der Spiritualität Bestandteil des indigenen Lebens ist und Denken, Fühlen und Handeln gleichermaßen durchwebt, einen weiteren essenziellen Unterschied zwischen industrialisierten und indigenen Gesellschaften: „Spiritualität ist in Chile bzw. bei den Mapuches nichts Individuelles, sondern etwas Kollektives.“

Damit schließt sich der Kreis zur Sprache des Bats’i K’op, dem wahren Wort, das den Gedanken des Kollektiven für uns verständlich werden lässt, wenn es wie in der Broschüre beschrieben heißt, dass zwar keine*r der Zapatistas persönliche Interessen verfolgt, dies jedoch „keinesfalls anti-individuell“ ist und sich nicht „das Individuum dem Kollektiv unterordnet“. Im Gegenteil: „Keine*r hat persönliche Interessen, die im Gegensatz zu kollektiven Interessen stehen, weil das kollektive Interesse sich ausschließlich auf das persönliche stützt.“ So wird das kollektive Interesse gewoben aus den individuellen Interessen, das Mittel dafür ist die Versammlung, in der das Wort jeder einzelnen Person Platz hat. Individuum und Kollektiv sind also nicht zwei voneinander getrennte Einheiten mit unterschiedlichen Wegen, die zueinander finden müssen, sondern sie gehören zusammen und bedingen und ergänzen sich natürlich.

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Wie geht es weiter?

Viele gaben im Anschluss die Rückmeldung, wie sehr sie sich über das Angebot gefreut haben und auch erleichtert waren, dass die Themen Spiritualität und politisches Bewusstsein hier zusammengedacht wurden. Gerade in aktivistischen Kontexten sei es oft schwer und finde sich selten Raum, über die eigene Spiritualität zu sprechen.

Was wir erfahren und gehört haben:
Das indigene Wort und die Sprachen sind nicht nur kulturelles Erbe, sondern verkörpern eine ganze Welt, ein altes Wissen, das Wegweiser ist für ein gutes Zusammenleben im Gleichgewicht.
Spiritualität ist nichts Weltfremdes oder Externes, auch kein Konzept, das wir zeitaufwendig extra „machen“ müssten. Doch wir müssen wieder Teil des Ganzen werden, uns integrieren, in-Beziehung-sein, statt uns als voneinander getrennte Einzelne wahrzunehmen. Wir müssen wieder lernen, denken und fühlen zu verbinden und auf diesem Boden zum Handeln werden zu lassen. Es ist ein Prozess.
Dabei gibt es nicht den einen Zugang zur Spiritualität, wir müssen unseren eigenen finden. Mit der Echtheit unseres Tuns wird es zu etwas, was wir praktizieren, erfahren und leben … durch unsere Präsenz, unsere Aufrichtigkeit uns selbst gegenüber, im Respekt füreinander, im Zuhören, in der Art und Weise, wie wir mit den Dingen und dem Leben umgehen, in jeder Begegnung. Etwas, was alles durchströmt und was wir sind. Dann gehen die politischen Konzepte im Leben selbst auf und werden zum Zuhören, das zu Begegnungen wird, die zur Bewegung werden.
Und es beginnt im Hier und Jetzt und überall!* (*S. 152, „gehorchend befehlen“, C. Rojas)

Mittlerweile hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet mit dem Titel „Spiritualität und politisches Bewusstsein“.

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