Ein Teil der Samen, gesät durch die Reise der Zapatistas

Die indigene Rebell*innengruppe aus Südmexiko, die Zapatistas, hat letztes Jahr eine Delegation von 180 Personen auf Europareise geschickt – um zuzuhören und ihr Wort zu verbreiten. Seit 1983 organisieren sich die Zapatistas autonom vom mexikanischen Staat, nachdem dieser die indigene Bevölkerung jahrhundertelang getötet, missachtet und verraten hat. Seitdem haben die Zapatistas ihre eigenen Strukturen aufgebaut, angefangen bei einer autonomen, basisdemoktratisch organisierten Regierung bis hin zu eigenen Gesundheits- und Bildungszentren und diversen Kollektivbetrieben. So konnten sie die Lebensbedingungen in ihren Gemeinden stark verbessern.
Aktuell sind die Gemeinden wieder einmal sehr stark von Angriffen durch den Staat und seine Paramilitärs betroffen und werden zusätzlich zunehmend von Drogenkartellen bedroht.

In diesem Text beschreiben wir, die Thüringen-Vernetzung zur Organisation der Reise, welche Erkenntnisse wir aus dem Besuch von insgesamt 11 Compañeras und Compañeros in der Kommune Walterhausen mitnehmen, welche Fragen sich für uns aufgeworfen haben und wie wir das alles auf die Bewegung von links und unten hier in Deutschland beziehen.

Spaziergang in und um Waltershausen mit den Zapatistas zum Thema Widerstandsgeschichte.

Fragend schreiten wir voran… Und viele Fragen hat der einzigartige Besuch der zapatistischen Compañeras und Compañeros aufgeworfen. Was lernen wir aus ihren Worten und Gesten? Welche Verantwortung erwächst für uns aus ihrer Europareise? Wie können wir uns global und hier lokal besser, langfristiger, ernsthafter und lebendiger organisieren? Wir, die Thüringer Kerngruppe der Zapatista-Reise-Orga, wollen einen Einblick in unsere Reflexion geben.
Zu Beginn wollen wir allerdings Transparenz darüber schaffen wer wir sind und welche Perspektiven wir auf die Reise der Zapatistas haben. Wir sind eine weiße Gruppe an Menschen, die überwiegend weiblich sozialisiert ist, und einige von uns sind in Ostdeutschland aufgewachsen. Wir bilden verschiedene Altersgruppen ab.
Damit wollen wir sagen, dass unser Blick nur einen kleinen Ausschnitt der gesellschaftlichen Perspektiven sichtbar macht. Dennoch freuen wir uns, diesen mit euch zu teilen und laden auch euch herzlich dazu ein, diesen Blick um eure Perspektiven zu erweitern.
Schreibt uns also gerne (Kontakt über yabasta-jena[at]riseup.net), was für euch inhaltlich bemerkenswert war, wenn ihr unsere Fragen in euren Gruppen weiterspinnt, schickt uns eure Antworten und neuen Fragen, oder diskutiert sie in weiteren Treffen mit uns.

„Wir werden Eure Worte in unsere Gemeinden tragen und mit den tausenden zapatistischen Compañeras und Compañeros besprechen“, haben die Zapatistas zu uns gesagt. Uns haben sie gebeten, ihr Wort in unsere Kollektive, Gruppen, Familien, Wohnprojekte und Organisationen zu tragen und zu diskutieren, damit wir dann gemeinsam besprechen können, was zu tun ist. Auf dass der Samen des Widerstands und der Rebellion aufgehe!

Die Notwendigkeit des “Kampfes”

“Wir machen das nicht zum Spaß, es ist ein Kampf aus Notwendigkeit und anstrengend”. Diese Botschaft blieb hängen. Wie ist das bei uns? Ein Compa meinte, als sie uns nach dem Leben in der KoWa befragten: “Ihr würdet vermutlich auch lieber statt in einem gemeinsamen Haus in Privathäusern wohnen, wenn ihr könntet…?”

Nein, bei uns wäre es oft leichter, den Mainstream-Weg zu gehen. “Wir”, Weiße, im globalen und auch deutschen Kontext Privilegierten – bei uns geht es eher darum, Privilegien abzugeben, statt für unsere persönliche Lebensverbesserung zu kämpfen. Es geht häufig darum, für die Lebensverbesserung anderer oder der Gesamtgesellschaft einzutreten.

Ist das der Grund dafür, dass linke Organisierung so schwierig ist? Ist eine Organisierung im gefühlten “Schlaraffenland” überhaupt möglich? Welche Chance haben wir, wo hier scheinbar die Dringlichkeit und existenzielle Bedrohung fehlt? Wie können wir Bequemlichkeit bekämpfen? Wie können wir verhindern, dass unsere Kämpfe nur das System stabilisieren, das wir eigentlich bekämpfen wollen?

Eine radikalere Positionierung mag „leichter“ sein, wenn man schon “unten” angekommen ist, keine Papiere hat, kaum etwas verlieren kann. Oder…? Was ist ausschlaggebend dafür, dass sich Menschen entscheiden zu kämpfen, wenn nicht unbedingt die soziale Position?
Wie können wir der bestehenden Verantwortung, durch unsere Geschichte als kolonialisierende Mächte, gerecht werden. Wir leben im Herzen der Bestie und tragen somit die Verantwortung, genau hier grundsätzliche Veränderung der bestehenden Unterdrückungssysteme einzufordern und zu bewirken! Wieso übernehmen wir so wenig langfristige und verbindliche Verantwortung? Wie können wir das Bewusstsein bekommen und halten, unsere privilegierte Lebensgrundlage zu nutzen, um für ein gutes Leben für alle zu kämpfen?

Langsam aber stetig: Die Ausdauer der Zapatistas

Vor ca. 40 Jahren begann die Organisierung der Zapatistas im Untergrund; vor knapp 30 Jahren begann der sichtbare Aufstand und Aufbau alternativer Strukturen. Bei uns zu Besuch waren auch 19- und 21-jährige Zapatistas, die in die zapatistische Bewegung hineingeboren wurden und voller Eifer dahinterstehen. Wie ist diese Ausdauer möglich?
Bei uns geht es oft um Planungen von einem halben Jahr, einer Aktion, Demo, Kampagne – und wird der Erfolg nicht erzielt, wendet man sich frustriert von der Bewegung ab und zieht sich ins Private zurück… Oft bleibt auch der schale Beigeschmack, dass sich viele vor allem fürs Ego engagieren, um sich moralisch über Andere zu erhöhen. Aber wie ernsthaft und verbindlich sind wir in unserem “Kampf”? Wie gestalten wir ihn aus, damit wir langfristig aktiv sein können?

Wir überlegten: Hängt die Ausdauer auch daran, dass es weiterhin ein Kampf der Notwendigkeit ist? Dass es einen klaren gemeinsamen Feind gibt (wie den Staat, dessen Militär, die Paramilitärs bei den Zapatistas), der zusammenschweißt?
Dass dort nur durch die gemeinsame Organisierung Grundbedürfnisse gedeckt werden können? Wobei hier die Taktik der Regierung ist, Gegenangebote zu schaffen. Wird ein zapatistisches Gesundheitszentrum gebaut, folgt häufig ein staatliches im gleichen Ort (während in Nicht-Zapatista-Gebieten oft weiterhin null Infrastruktur ist) – manche Zapatistas konnten dadurch auch schon aus der Bewegung gezogen werden. Doch viele bleiben. Was hält sie, obwohl doch viel Zeit und Energie in die linke Organisierung geht? Es geht schließlich auch um positive Erfahrung, um Kollektivität, um Kultur.

Die Wichtigkeit vom Zuhören, von Geschichten, Bildern und Contra-Kultur

In vielen Situationen während des Besuchs fiel uns die zentrale Rolle der zapatistischen Geschichten und Symbole auf.

Beim Gestalten eines gemeinsamen “Murals” (Wand- bzw. Treppenbilds) malten die jungen Zapatistas ganz selbstverständlich den Mais (als Lebensspender), beschrieben die sieben Prinzipien des guten Regierens, zeichneten den roten Stern mit seinen fünf Spitzen (die 5 Kontinente) und die Schnecke (“caracol”): Das vielleicht wichtigste Symbol der Ausdauer, des langsamen, aber unbeirrbaren, fragenden Voranschreitens.

Als die Zapatistas uns am letzten Abend überraschten mit einem kleinen Musik-Auftritt, sangen sie ihre speziellen Lieder, die die Geschichten des Widerstands erzählen (Corridos).

Bei der öffentlichen Veranstaltung erzählten sie ihre Geschichte der Rebellion und des Widerstands. Endlich eine Geschichte der Indigenen, nicht erzählt von den Kolonisatoren, sondern von ihnen selbst. Verschiedene Compas erzählten Teile der Geschichte, beginnend mit den Erlebnissen ihrer Großeltern in Leibeigenschaft auf den Großgrundbesitzen, der klandestinen Organisierung, des Aufstands und des langjährigen Widerstands. Es waren inhaltsschwere, lebendige Geschichten, die auch von den Wiederholungen und Emotionen lebten. Vielleicht waren die Compas weniger effizient im Erzählen, weniger im Kopf – sondern im Herzen. Das ermöglichte, sie nicht nur rational, sondern auch auf Gefühlsebene zu verstehen… Geschichten schaffen Verletzlichkeit und Nähe.

Bei unserer Diskussion zu patriarchaler Gewalt, die zwischendurch nach Geschlechtern getrennt stattfand, fragte eine Compa, was wir eigentlich unter Patriarchat verstünden. Eine Definition fiel uns schwer. Da wurde uns deutlich, wie abstrakt wir oft reden – wie sehr an unseren Lebensrealitäten vorbei. Geschichtenerzählen macht greifbarer, wogegen und wofür wir uns verbünden wollen – und dafür braucht es nicht unbedingt ein ausgereiftes theoretisches Konzept oder inzwischen leer gewordene Worthülsen.
Auch in der Gruppe der Männer spielten die Geschichten eine zentrale Rolle. Wir fragten, wie sie den enormen Haltungswechsel bei den Männern innerhalb weniger Jahrzehnte erreichen konnten: Von einer Gesellschaft, in der manche Väter ihre Töchter noch zwangsverheirateten, in der die Frau als Eigentum des Mannes betrachtet und ohne jedes politische Recht, ohne Bildung und ohne Freiheiten im Haus gehalten wurden, hin zu einer Organisation, in der der Respekt vor Frauen eine zentrale Säule ist, in der alle Selbstverwaltungsgremien paritätisch besetzt sind und Frauen aktiv dazu animiert werden, immer mehr Verantwortung zu übernehmen und immer selbstbewusster aufzutreten. Wir konnten bei den Männern spüren, dass sie die Befreiung der Frau nicht als eine abstrakte moralische Pflicht sahen, sie war ihr eigenes Bedürfnis. Im Gespräch stellte sich heraus, dass auch hier das Geschichtenerzählen und das Zuhören – beides vom Herzen aus! – das wichtigste Mittel war. Indem die Frauen ihren Schmerz in Form unzähliger Geschichten teilten und die Männer mit offenem Herzen zuhörten, wurde ein kollektiver Schmerz geschaffen. Diesen Schmerz zu lindern, die Wunden zu heilen und die Ursache zu bekämpfen, wurde das persönliche Interesse aller.

Fehlt uns solch eine linke Contra-Kultur? Gemeinsame Symbolik und Geschichten – über erfolgreichen Widerstand hier, über unser Leiden, über unsere Hoffnungen und Utopien? Wie können wir dahin kommen? In den Treffen während und nach der Reise probierten wir es aus und konnten bereits die Erfahrung machen, wie viel mehr Verbundenheit das Teilen von Geschichten und das offene, urteilsfreie Zuhören schaffen. Erst durch diese Nähe erhalten theoretische Erkenntnisse eine emotionale Tiefe und damit auch ein Gewicht, das uns veranlasst, unser Handeln nach diesen Erkenntnissen auszurichten.

In der Thüringer Vernetzung zur Reise waren es nicht zuletzt die Geschichten, die wir den Compas von uns erzählt haben, die uns untereinander nähergebracht haben. Teilweise waren sie wohl für uns viel interessanter als für sie, da wir so Vieles voneinander noch nicht wussten, obwohl wir über Jahre und Jahrzehnte in der gleichen Gegend verwandte Kämpfe führen.

Wie können wir in Geschichten und Kultur deutlich machen, dass der kapitalistische Lifestyle auch für die Privilegierten nicht nur “schön” ist. Dass er nicht unbedingt glücklich macht, sondern viel vereinzelt, entfremdet, Energie frisst und krank macht. Wie können wir eine schlüssige starke Gegenerzählung finden?

Unser Eindruck ist, dass der linken Bewegung, die wir bisher hier vor Ort kennengelernt haben, genau diese gemeinsam ausgehandelten Prinzipien fehlen. Wir haben keine ausformulierten Grundlagen, sondern stehen auf instabilem Boden der großen Worte „anti-rassistisch, feministisch, anti-klassistisch, anti-antisemitisch, ….“, ohne dabei genau zu wissen, welches Verständnis einer Praxis denn dahintersteht. Dadurch entstehen immer wieder die gleichen grundsätzlichen Fragen, die in jeder Gruppe neu ausgehandelt werden müssen. Die Mentalität einer kapitalistischen, individualisierten Gesellschaft und die dabei fehlende Bezugnahme aufeinander als Teil einer großen Bewegung werden dadurch spürbar.
Was sind die Maßstäbe, an denen wir unser Handeln als emanzipatorische Kräfte messen, an denen wir uns kritisieren können und somit auch wachsen – mit einem gemeinsamen Verständnis?

Kollektive Identität

Hängt dieses Fehlen gemeinsamer Geschichten und die Schwierigkeit der linken Organisierung hier damit zusammen, dass eine kollektive Identität fehlt? Bei den Zapatistas gibt es einen geteilten Schmerz, die Unterdrückung ihrer Vorfahren, die existenzielle Notwendigkeit. Zapatista-Sein ist eine kollektive Identität.

Bei uns scheint dies sehr schwer. Wir leben meist völlig vereinzelt und individualisiert. In der Postmoderne scheinen wir lieber alles dekonstruieren zu wollen, hängen wir uns an den Unterschieden auf.

Dennoch: In den Zapatista-Gebieten gibt es verschiedenste Sprachen (teilweise verstehen sich Gemeinden untereinander ohne Übersetzung nicht), unterschiedliche Religionen, es gibt Hoch- und Tiefland, heiße und kalte Klimazonen, auch immer noch große Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die kollektive Identität wurde aufgebaut und erarbeitet. Eine kollektive Identität widerspricht sich auch nicht unbedingt mit dem anderen Ideal der Zapatistas: Eine Welt aufzubauen, in der viele Welten möglich sind.

Was wäre so etwas für uns? Wie könnten wir, statt Identitäten zu unterscheiden, mehr Gewicht darauf legen, was wir Gemeinsames haben? Wie könnte es gelingen, uns vielleicht weniger an Einzelheiten aufzuhängen, und stattdessen das große Ganze zu erkennen und gemeinsam zu be- und erkämpfen? Auch das war eine sehr eindrückliche Erfahrung der Reise: Wie viel „wir“ (die Menschen von links und unten) doch eigentlich gemeinsam haben, wie viel wir gemeinsam erreichen können, wenn wir uns schlicht und einfach von unserem Fokus auf die Unterschiede lösen und das Gemeinsame stärker würdigen. Außerdem lernen wir uns dadurch besser gegenseitig kennen, entdecken noch mehr Gemeinsamkeiten und noch viel mehr Unterschiede – aber wir lernen auch, die Unterschiede zu respektieren und teilweise sogar als eine Stärke zu erkennen!

Individuum – Gemeinschaft – System

Auch bei einer unserer Gesprächsrunden zu Gewalt an Frauen wurde deutlich, wie sehr wir Probleme individualisieren. Übt ein Zapatista-cis-Mann Gewalt aus (verbale, körperliche etc.), so bleibt das weder im Privaten, noch führt es automatisch zu einer Distanzierung von der Person und zu seinem Ausschluss. Es geht vielmehr um eine Distanzierung von dessen Verhaltensweisen, um das kollektive Thematisieren davon, dass dies falsch war – einstudiert im patriarchalen kapitalistischen System. Das macht es leichter für den Einzelnen, auch selbst Fehler einzugestehen. Dies ist in unserem Umfeld häufig schwerer, weil uns Mechanismen für diese Bearbeitung fehlen und weil häufig gleich Angst aufkommt, ein Schuldgeständnis könnte den Verlust des sozialen Umfelds bedeuten.

Auch für die Meinungsbildung ist das Kollektiv die Basis, ob in Chiapas, um Fragen der Selbstverwaltung zu diskutieren, oder auf der Reise. Vielen von uns fiel auf, wie selbstverständlich die Zapatistas sich bei jeder öffentlich an sie gerichteten Frage kurz untereinander absprachen, wie nahtlos sie gemeinsam dieselbe Geschichte erzählen konnten, wie selten sie individuelle Meinungen äußerten. Für sie ist klar: Ein Standpunkt ist umso wertvoller, je mehr Perspektiven darin eingeflossen sind, je mehr Einzelmeinungen er beinhaltet. Das heißt auch keineswegs, dass die individuelle Meinung übergangen wird, im Gegenteil: In kleinen vertrauten Gruppen hat jede Meinung Platz, auch die einer schüchternen Person. Aufgabe des Kollektivs ist es, sich einen Standpunkt zu erarbeiten, in dem sich alle abgebildet finden. Wenn dann auf der nächsten Ebene, etwa der Dorfversammlung, die Standpunkte zusammengebracht werden, vertritt niemand mehr eine individuelle Meinung, sie ist in der Meinung der eigenen Gruppe enthalten. So kommen bereits differenziertere, besser durchdachte Meinungen zusammen und es kann leichter gewichtet werden, welche Position wie vielen Menschen wichtig ist, und es setzt sich weniger leicht die eloquenteste Person durch.

In den zapatistischen Gebieten funktioniert auch die Ökonomie im Zusammenspiel von Individuum und Gemeinschaft, in relativer Autonomie zum System. Ihre Grundlage ist die Subsistenzlandwirtschaft jeder Familie. Darüber hinaus übernehmen sie die anfallenden Aufgaben (als Lehrer*in/Bildungspromotor*in, in einem Landwirtschaftskollektiv, im Gesundheitszentrum, im Rat der guten Regierung, auf der Reise für das Leben, etc.) ohne dafür bezahlt zu werden. Vielmehr kümmert sich die Gemeinschaft darum, dass die Personen & Familien, die dadurch weniger Zeit für die Feldarbeit haben, Unterstützung in der Landwirtschaft oder bei der Ernährung haben. So bedeutet Organisation nicht (nur) zusätzliche Belastung, sondern auch mehr Sicherheit, von der Gemeinschaft aufgefangen zu werden.
Bezogen auf unsere Realität stellten wir fest: Durch derartige praktische, ökonomische Solidarität könnten wir vielleicht eines der Grundprobleme von politischer Organisation hierzulande angehen: Dass häufig nur privilegierte Menschen Zeit und Geld haben, aktiv zu sein, während die meisten nur eines oder sogar nichts von beidem haben.

Wie können wir also Strukturen schaffen, in denen wir uns gegenseitig so entlasten, dass wir weniger finanziellen Sorgen und genug Zeit und Energie für die politische Organisierung haben? Lässt sich bei uns auch ohne Subsistenz eine starke Kollektivität aufbauen? Wenn unsere Leben so wenig verwoben sind? Wenn die einzelnen Bedürfnisse “simpel” (für Privilegierte) über den Markt und Geld abgedeckt werden können? …in der KoWa wird dies teilweise gelebt – die gemeinsame Ökonomie, die Subsistenzansätze, die unbezahlte kollektive Arbeit, das Fühlen als Gemeinschaft. Wie können wir solche Ansätze auf das Leben außerhalb von Kommunen übertragen und wie können wir diese Gemeinschaften verbinden, um darüber hinaus gemeinsame (ökonomische) Stärke aufzubauen? Dass wir kollektive, finanzielle Mittel brauchen, auf die wir für gemeinsame Projekte einfach zugreifen können – auch das war bei vielen eine Erkenntnis aus der Reise.

Links und unten – drüben wie hier

Die Zapatistas erzählten viel vom Leid ihrer Großeltern – das sie ja letztendlich durch unsere Vorfahren erfahren haben. Trotzdem machten sie uns dies nicht zum Vorwurf, sondern betonten den Wunsch nach Gemeinschaft und Verbundenheit – nur, indem wir zusammenhalten, können wir den großen, gemeinsamen Feind, das „System des Todes“, überwinden.

Die Unterschiede der Kontexte, der Notwendigkeit/Privilegiert sein – das alles wurde deutlich. Aber noch wichtiger sind die Gemeinsamkeiten. Wie schaffen wir es, diese Solidarität aktiv zu leben?

Mit dieser Europareise wurde uns Verantwortung übertragen. Sie wurde gemacht, weil die Compas glauben, dass sich etwas ändern kann, dass sich etwas ändern muss. Immer wieder haben sie das deutlich gemacht. “Das ist kein Spaziergang für uns” – sie werden die Ergebnisse ihrer Reise evaluieren, aufbereiten, ins hinterste Eck ihrer Gemeinden tragen und Konsequenzen für sich ziehen. Was tun wir nach ihrem Besuch? Was kann die globale Vernetzung bringen, wem bringt sie etwas? Während es wichtig sein wird, den Draht nach Chiapas aufrechtzuerhalten und weiter zu intensivieren, liegt die Verantwortung aber auch im Hier. Sei es dabei, europäische kapitalistische Unternehmen wie die DB daran zu hindern, schädliche neo-koloniale Großprojekte wie den „Tren Maya“ umzusetzen. Oder dabei, langfristige solide und solidarische Organisierung hier in Thüringen aufzubauen.

Müssten wir viel mehr in Richtung “Organizing” als Taktik gehen? Ins langsame stetige Aufbauen von solidarischen Strukturen, in Einzelgespräche mit Menschen um uns herum, ins Heraustreten aus bzw. Vergrößern der Blase, ins Entwickeln kollektiver Erzählungen und Kultur… Sollten wir uns auch Ziele für die nächsten 10 Jahre setzen, nicht nur für das nächste halbe Jahr?

„Preguntando caminamos – Fragend schreiten wir voran.“ Dieses altbekannte Zitat der Zapatistas hat sich vielen von uns im Zuge der Reise immer mehr erschlossen, besonders im Rückblick auf die Reisevorbereitungen. Gewohnt, immer 5 Schritte vorauszuplanen, wurden unsere Pläne von den kurzfristigen Änderungen und rassistischen Hindernissen bei der Einreise der Compas regelmäßig über den Haufen geworfen. Wie lernen wir es, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, das langfristige Ziel vor Augen, aber immer wieder neu zu sehen, wo wir stehen und was es als nächstes braucht?

Unser Eindruck: Um diese und andere Fragen beantworten zu können, braucht es als nächsten Schritt, dass wir uns untereinander besser kennenlernen. Dass wir in unseren Städten und Dörfern, in unserer Region überhaupt erst einmal voneinander wissen, wo wir stehen und was wir machen. Dass wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen.
„Das ist kein Spiel!” …ein Satz, der uns in Erinnerung bleibt.
Der sich auf freundliche, aber bestimmte Weise einprägt und uns immer wieder daran erinnern soll, dass es verdammt nochmal um Viel geht.
Dass wir Verantwortung haben. Gerade wir, die wir (noch) nicht für unsere existenziellen Bedürfnisse und um das Recht zu leben kämpfen müssen.

Die Zapatistas sind nicht allein! Solidarität aus „Slumil K’ajxemk’op“ (widerspenstiges Land, ehemals Europa).

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