COMUNICADO: Der zapatistische Pass

(Bis bald, Portugal – auf geht’s, Galizien.)

14. Juni 2021

Am 12. Juni 2021 wurden die Reisepässe des sogenannten ´Geschwader 421`, der anderen Passagiere und der Besatzung mit dem legalen Einreisestempel in den sogenannten Schengen-Raum oder -Zone versehen – und sie gingen in Horta, auf den Azoren, in Portugal, Europa an Land. Ohne an Anmut und Eleganz zu verlieren (wie man so schön sagt), verließen sie La Montaña. Wie es sich gehört, gab es Aufregung, Tanz, Fotos und Schlemmerei. Marijose stieß auf eine alte Prophezeiung, welche ihre Ankunft ankündigte. Und es erfolgte ein Wettlauf (wie man so schön sagt), mit dem Motto ´der Letzte zahlt das Essen´ (Diego Osorno hat verloren). Und es wurde auf das Leben angestoßen, klar doch.

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Am 14. Juni um 09:17:45 Uhr, löste sich La Montaña aus der portugiesischen Umarmung und steuerte mit einer Geschwindigkeit zwischen 6 und 7 Knoten Richtung Nordosten. Um 12:30:06 Uhr passierte sie links vom “Pico Das Urzes”. Breitengrad: 38.805213; Längengrad: -28.343418. Kapitän Ludwig schätzt, die Küsten der iberischen Halbinsel zwischen dem 19. und 20. Juni zu sichten (obwohl es sogar früher sein könnte, weil La Montaña, versöhnt mit dem Wind, anscheinend Eile hat, ihre portugiesischen und galizischen Schwestern zu umarmen). Ab diesem Zeitpunkt werden die Erhebungen auf den Inseln von San Martino, Monte Faro und Monte Agudo gegrüßt werden. Anschließend erfolgt der Eintritt in die “Ría de Vigo”. Es wird erwartet, in der Marina Punta Lagoa, im Norden des Hafens von Vigo, in Galizien, spanischer Staat anzukommen.

Dann, in der Stille, wird Schwester Regen unser Berg sein, feucht wird unser Blick sein und so werden wir still sagen:

(…) desperta do teu sono
fogar de Breogán. 

Os bos e xenerosos
a nosa voz entenden
e con arroubo atenden
o noso ronco son,
mais sóo os iñorantes
e féridos e duros,
imbéciles e escuros
non nos entenden, non.*

Fragment aus “Os Pinos”, Galizische Hymne. Pascual Veiga und Eduardo Pondal.

* “… wach aus dem Traum auf / Heimstätte von Breogán. / Die Guten und Edelmütigen / verstehen unsere Stimme / und mit Hingabe begleiten sie / unseren heiseren Klang. / Aber nur die Unwissenden / und Schwachen und Verhärteten / Dumme und Obskure / verstehen uns nicht, nein.

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Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen von dem zapatistischen Dokument erzähle, welche das Geschwader 421 (welches zum jetzigen Zeitpunkt bereits ´maritim´ zu seinem schillernden Namen hinzufügen kann) bei sich trägt. Die Compañer@s haben einen zapatistischen Pass. Das heißt, zusätzlich zum offiziellen mexikanischen Reisepass haben sie den ´Zapatistischen Arbeitspass´ bei sich. Hier die Beschreibung:

Auf der Vorderseite oder dem Cover: ein Caracol, eine Schnecke mit einem roten Stern im Inneren. Und die Aufschrift: ´Zapatistischer Arbeitspass´. Auf der Rückseite: ein roter Stern mit einem Caracol, einer Schnecke im Inneren.

Auf der ersten Seite steht: ´Dieser Pass wird von den autonomen Zivilbehörden der Autonomen Rebellischen Zapatistischen Landkreise und den Räten der Guten Regierung in Chiapas, Mexiko ausgestellt. Die Gültigkeit ist auf den festgelegten Zeitraum und für den beschriebenen Ort beschränkt. Dieses Dokument besteht aus 32 Seiten und ist ungültig, wenn es Beschädigungen, Kürzungen, Streichungen und Ergänzungen aufweist´.

Auf den Seiten 2 und 3 gibt es Platz für: Foto des Inhabers, persönliche Daten, Daten des Rates der Guten Regierung (JBG) und den Autonomen Rebellischen Zapatistischen Landkreisen (MAREZ), welche das Dokument ausstellen. Dann: Auszuführende Arbeiten, das Ausstellungsdatum und Kalender und Geographie, an dem die Arbeit ausgeführt wird. Dann: Platz für Stempel von MAREZ und JBG.

Auf den Seiten 4 und 5 sind die folgenden 7 Einschränkungen festgelegt:

`1. Der, die*der (loa) oder die Inhaber*in dieses Passes kann und darf keine Unterstützung in Geld oder Sachleistung zum eigenen Vorteil oder dem der eigenen Familie verlangen oder erhalten, welche über das für die Ausführung der anvertrauten Arbeit unbedingt erforderliche Maß hinausgeht.

2. Die, die*der (loa) oder der Inhaber*in dieses Passes darf nur jene Arbeiten ausführen, welche in diesem Dokument angegeben sind.

3. Die*der (loa), der oder die Inhaber*in dieses Dokuments ist es untersagt, Schusswaffen jeglicher Art zu tragen und zu benutzen und darf keine Aktivitäten vorschlagen, anregen oder ermutigen, die den Gebrauch von Schusswaffen an dem Ort, wo er/sie die Arbeit verrichtet impliziert oder zum Einsatz derselben führt.

4. Die, die*der (loa) oder der Inhaber*in dieses Dokuments darf nur über unsere Geschichte des Widerstands und der Rebellion als Pueblos originarios und als Zapatist*innen erzählen, nachdem eine entsprechende Vorbereitung und Ausbildung dafür absolviert wurde.

5. Der, die*der (loa) oder die Inhaber*in dieses Dokuments darf keine Vereinbarungen treffen oder brechen – im Namen der Organisationsstruktur und/oder der politischen-militärischen Leitung – mit Personen, Gruppen, Kollektiven, Bewegungen und Organisationen, welche über das absolut Notwendige für die Erfüllung der beauftragten Arbeit hinausgehen.

6. Die persönlichen Meinungen zu öffentlichen und privaten Angelegenheiten, welche von die*der (loa), der oder die Inhaber*in dieses Dokuments geäußert werden, spiegeln nicht nur nicht die zapatistischen Positionen wider, sie können auch unserem Denken und unserer Praxis völlig widersprechen.

7. Die, der oder die*der (loa) Inhaber*in dieses Dokuments muss jederzeit die Unterschiede in Identität, Geschlecht, Glauben, Sprache, Kultur und Geschichte der Personen und Orte, wo die Arbeit ausgeführt wird und wofür dieses Dokument ausgestellt wird, respektieren.

Auf Seite 6 wird festgestellt: „Es wird beglaubigt, dass die, die*der (loa) oder der Inhaber*in dieses Dokuments eine Schulung erhalten hat (ob etwas gelernt wurde oder nicht, werden wir ja dann an den Fakten sehen) in ___ (Platz für den Namen des Ortes).“

– Und Seite 7 gibt die Abreise- und Ankunftsdaten an: „Die, die*der (loa) oder der Inhaber*in dieses Dokuments hat das zapatistische Gebiet verlassen ___ (Platz für Details und Stempel auf einer halben Seite).“ Die untere Hälfte der Seite: „Die, die*der (loa) oder der Inhaber*in dieses Dokuments, kehrte in das zapatistische Gebiet zurück: ___ (Platz für Details und Stempel).“

Die folgenden Seiten sind leer, sodass die unterschiedlichen Menschen, Gruppen, Kollektive, Organisationen und Bewegungen aus den verschiedenen Ecken der ungleichen Welten, die besucht werden, dort siegeln, signieren, dekorieren, stempeln, Zeichnungen anbringen, kritzeln oder was auch immer machen können – damit der, die oder die*der (loa) Compa eine Art Wegweiser, Reiseführer hat, wo er, sie, er*sie war – zusätzlich zu den Aufzeichnungen im eigenen Notizbuch, um nach der Rückkehr zu erzählen, wie es gelaufen ist.

Die letzte Seite ist für „Beobachtungen“ vorgesehen (zum Beispiel: Allergien, Einschränkungen oder Musikgeschmack – so nenne ich das mal, denn wenn sie Cumbia mögen und dann einen Walzer tanzen sollen, nun, das überlasse ich jetzt Ihrer Phantasie –).

Ich bezeuge es.

SupGaleano.

Planet Erde, Juni 2021.

Original: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2021/06/14/el-pasaporte-zapatista-hasta-pronto-portugal-ahi-vamos-galicia/

Übersetzung: Christine, RedmycZ

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