Comunicado: Boarding – Entern

1. Mai 2021.

Aus dem Notizbuch der/des Katze-Hundes – Gato-Perro:

Boarding – Entern.

La Montaña ( Der Berg) wurde am 30.4. 2021 um so und so viel Uhr gestürmt. Das Schiff lag etwa 50 Meter vom Hafen entfernt vor Anker – ´weit weg von der falschen Gesellschaft und ihrem Remmidemmi´. Rundherum gaukelten Lachmöwen, Kormorane, Ohrwurmfregatten, Ibis und sogar ein naiver, verirrter Kolibri versuchte, ein Netz in der Bugkanzel zu bauen. Im Rumpf, unterhalb der Wasserlinie trommelten Flaschen-Delfine eine Cumbia, ein Walhai dirigierte mit seinen Flossen und der Manta-Rochen breitete seine schwarzen Flügel wallend aus.

Die Freibeutergruppe wurde vom Subcomandante Insurgente Moises angeführt, der mit einer Truppe – bestehend aus einer Insurgenta Tercia, einem Insurgente Chauffeur und Mechaniker, einem Chauffeur der Unterstützungsbasis, 5 Terci@s, einer Kommandantin und zwei Kommandanten – anwesend war, um die maritime Delegation zu verabschieden: das Geschwader 421. Und um in situ zu überprüfen, ob das Wasserfahrzeug über alles Nötige für das nautische Heldenepos verfügt. Ein Unterstützungsteam der Kommission Sexta war ebenfalls anwesend, um die Nachrufe für die im Kampf Gefallenen zu schreiben.

Es gab keinen Widerstand seitens der Besatzung. Vielmehr hatte der Kapitän bereits vorher angeordnet, als Segel ein großes Banner mit einem Bild der maritimen zapatistischen Delegation zu hissen – wodurch ´La Montaña` samt der ganzen Besatzung sich dem Kampf für das Leben anschloss. Bei leerer Bemastung leuchtete das Symbol des zapatistischen Deliriums noch heller und funkelte wild.

Man könnte sagen, es handelte sich um ein einvernehmliches Boarding – ein einvernehmliches Entern. Es gab weder von Seiten der zapatistischen Truppe noch von der als Gastgeber fungierenden Seemannschaft Aggressionsversuche. Und man könnte sagen, dass es zwischen uns und den Seeleuten von La Montaña eine Art von Komplizenschaft gab. Obwohl sie beim ersten Zusammentreffen genauso überrascht waren wie wir.

Und dort wären wir stehen geblieben, unbeweglich aufeinander starrend, wäre da nicht vom Heck her ein Insekt herangerückt, welches unglaubliche Ähnlichkeit mit einem Käfer aufwies und laut schrie: ´Alle an Bord! Wenn es viele sind, rennen wir davon! Wenn es wenige sind, verstecken wir uns! Und wenn keiner da ist: vorwärts! Um zu sterben wurden wir geboren!“ Das hat alles entschieden. Die Besatzung sah das Tierchen verdutzt an, und wir … nun wir wussten nicht, ob wir uns für den Einfall entschuldigen oder uns dem Piratenangriff anschließen sollten.

Der Subcomandante Insurgente Moisés glaubte, dies sei der richtige Moment sich vorzustellen und sagte: ´Guten Tag. Ich heiße Moisés, Subcomandante Insurgente Moisés, und sie sind…´Als er sich umdrehte, um die Truppe zu präsentieren, bemerkte der SubMoy, dass da niemand war.

Alle besichtigten das Schiff und konnten nur schwer Freude und Begeisterung verbergen: Wie Karibische Königinnen grüßten die Compañeras Delegiertinnen vom Backbord aus die Boote voller Touristen, welche sie voller Neugier und schockiert ansahen, vielleicht erstaunt, dass sie bei dieser Hitze lange Röcke tragen. Vor allem deshalb, weil die Touristinnen Bikinis trugen, und halb nackt so etwas unglaublich fanden. Marijose ging zum Bug und betrachtete von dort aus das Haus der Ixchel und dachte für sich, die Hyper-Ultra-Minishorts besser nicht anzuziehen, denn es ginge ja nicht darum, die Städterinnen in Fragen der sensualité zu beschämen.

Die KommandantInnen David und Hortensia gaben Lupita letzte Ratschläge, deren Lächeln sich über die Gesichtsmaske hinausbreitete. Kommandant Zebedeo sprach vor sich hin: ´mir wird nicht schlecht, mir wird nicht schlecht´ – ein vom SupGaleano empfohlenes Mittel gegen Erbrechen.

Die terci@s (4 Männer, eine Compa und eine Insurgenta) ihrerseits machten Fotos und Videoaufnahmen von allem. Und wenn ich ´von allem´ sage, dann ist damit alles gemeint. Daher staunt nicht, wenn auf den Fotos nur Luken auftauchen, Seile, die Ankerkette, Ankerwinde, Bojen-Reep, Planen, Eimer zum Ablassen des Wassers und andere Dinge, die für ein Schiff typisch sind, welches sich bereit macht, für eine sehr edle Mission den Atlantik zu überqueren – nämlich einzufallen, ich meine, zu erobern, ich meine, um Europa zu besuchen.

Marcelino und Monarca fragten nah dem Maschinenraum; und ich weiß nicht, woher sie einen Werkzeugkasten hervor zauberten. Mit Zangen und Schraubenziehern versehen, gingen sie dorthin, wo ihrer Meinung nach der Motor zu finden sein müsste; und sie erklärten einem sprachlosen Kapitän, dass sie dem Maschinensound entnahmen, dass der Motor gewartet werden müsste. Bernal und Felipe (Ersatz für Dario – der wegen der Passbesorgung für seine Kinder an Land bleiben musste – 49 Jahre, ursprünglicher Tzeltal, sprichst fließend tzeltal und spanisch, 4 Kinder, der älteste ist 23 Jahre alt, der jüngste 13 – er war Miliciano, Sergeant, Lokalverantwortlicher, autonomer Rat im MAREZ, Rat der Guten Regierung, Maestro der Kleinen Zapatistischen Schule und Chauffeur. Lieblingsmusik: romantische Musik, Rancheras, Bands, Cumbia, revolutionäre Lieder. Lieblingsfarben: schwarz, blau und grau. Er bereitete sich 6 Monate darauf vor, Delegierter zu werden. Freiwilliger für die Schiffsreise, falls jemand ausfallen sollte. Maritime Erfahrung: keine). schlossen sich dem zapatistischen Mechanikerteam an (damit auf Hoher See keine Reparaturen anfallen).

Nachdem sich die Besatzung von La Montaña von der Verwirrung über ein so anderes Boarding erholt hatte, verteilte sie sich strategisch an Deck, um zu verhindern, dass die zapatistische Begeisterung dazu führte, dass einer von uns im Meer endete.

Wenn das passiert wäre, wir wären vorbereitet gewesen, ob Ihr es glaubt oder nicht. Angesichts der Zusammensetzung der Delegation diskutierten wir am Vorabend, wie wir schreien müssen, wenn diess passieren sollte: ´Mann über Bord´ oder ´Frau über Bord´ oder´AnderEr über Bord´ oder ´tercio über Bord´ oder ´Chauffeur über Bord´ oder ´Käfer über Bord´ und so weiter. Das Problem bestand darin, um zu wissen, was wir schreien sollen, musste der SubMoy zuerst die Anwesenheitsliste verlesen, um den Vermissten zu eruieren und dann den Befehl ´Panik im Windschatten´ erteilen, (etwas was die Delegation bis zur Perfektion im Trainingszentrum, Abteilung ´Schiffbruch und Versenkung´ praktizierte) damit dann alle schreien würden. Weil dadurch viele Sekunden verloren gehen (in Realität, in der Praxis waren es lange Minuten), die entscheidend sein könnten, wurde beschlossen: ´Zapatista über Bord!´ zu schreien. Es ist nichts passiert, was den Maya-Korsaren (Erlaubnis des zapatistischen Rates der Guten Regierung erteilt und in Ordnung) Spott und Hohn in der Bar des (Piraten) Mota Negra, in Kopenhagen, Dänemark erspart hat.

Es dauerte nicht lange, bis die Besatzung von der zapatistischen Begeisterung angesteckt wurde; und obwohl es sich um Seeleute mit jahrelanger Erfahrung auf den Wassern des Ozeanes handelt, sahen sie jetzt mit und durch den Blick der Zapatistas ein Meer – welches ruhig einen so unerwarteten Besuch feierte – gelassen, wie zuvor angesichts der Impertinenz der Touristen aus aller Welt. Der Kapitän des Schiffes brachte den SubMoy zum Kommandobereich; und er ergriff das Steuer-Ruder, die terci@s schossen ihre Fotos … vom Wasser (das heißt, es wird viele Fotos von einem ruhigen Meer geben).

Die zapatistische maritime Delegation, genauer gesagt das Geschwader 421, ging von der Begeisterung zu Besorgnis über und löcherte die Besatzung mit sinnvollen Fragen:´Und wenn uns ein Blitz trifft und das Boot zerbricht, was machen wir dann?´ ´Und wenn ein Loch aufgeht und das ganze Wasser auf einmal verschwindet. Müssen wir dann zu Fuß weiter?` ´Und wie macht Ihr es, um zu essen, wenn Ihr kein Feld zum Anbauen habt?´ ´Und woher weiß der Wind, dass wir dorthin wollen?´ `Und wo schläft das Meer, wenn es müde ist?` `Und wenn das Herz des Meeres traurig ist, wie weint es?` ´Wie groß muss ein Herz sein, um das Meer zu lieben und zu streicheln, wo es doch so groß ist?` So wie wir das Land verteidigen, gibt es jemand, der das Meer verteidigt?`

Die Besatzung der La Montaña, Kapitän Ludwig (Deutschland), Edwin (Kolumbien), Gabriela (Deutschland), Ete (Deutschland) und Carl (Deutschland) sahen sich fassungslos an und sagten zu sich: “In welche Schwierigkeiten bin ich geraten?” (nur Edwin dachte auf Spanisch: “Caramba, en qué lío me he metido”).

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Und das Tierchen? Gut, es ahnte, dass sie versuchen würden, es über Bord zu werfen (obwohl es das “Einschiffen mit Tapferkeit, Anmut und unvergleichlicher Kessheit anführte” – laut eigener Worte), es kletterte auf den Mast und deklamierte von dort aus in makellosem Galizisch:

Ich werde zurückkommen, ich werde zum Leben zurückkehren,
wenn das Licht auf den Felsen bricht.
Weil wir uns den ganzen Stolz des Meeres genommen haben,
werden wir nie wieder versinken.
Denn in deiner Erinnerung gibt es kein Zurück.
Sie werden uns nie wieder demütigen. NIE WIEDER.”

Im Osten, weit weg, wiederholten die Wellen vor den Küsten Galiziens: “nie wieder”.

Ich bezeuge es.

Die/der Katze-Hund – Gato-Perro.
Noch immer Mexiko, Mai 2021.

Erstes Video: Vorbereitung des Boarding – Entern

Musik: Fragmente aus «Aires Bucaneros». Gedicht von Luis Palés Matos. Musik: Roy Brown.

Zweites Video: Boarding – Entern

Musik: Erinnerungen an die Nacht. Text: Xabier Cordal. Musik: Bieito Romero. Interpretiert von: Luar Na Lubre, mit den Stimmen von Rosa Cedrón und dem Maestro Pedro Guerra.

Original: http://enlacezapatista.ezln.org.mx/2021/05/01/el-abordaje/

Übersetzung: Christine, RedmycZ

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